Russland: Putin wurde vor den Augen der Weltöffentlichkeit gedemütigt

Der Aufstand der Prigoschin-Söldner ist gescheitert. Trotzdem hat dieser Vorgang die Schwäche des Systems in Russland offengelegt, sagt der außenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Nils Schmid, im Interview mit dem Vorwärts.

Was war Ihre erste Reaktion, als Sie von Prigoschins Marsch auf Moskau hörten?

Zunächst war ich, wie vermutlich die meisten Beobachter auch, überrascht, wie einfach es Prigoschin und seinen Wagner-Söldnern bei seinem Vormarsch von Rostow am Don in Richtung Moskau gemacht wurde. Von Widerstand seitens des russischen Militärs war nicht viel zu sehen.

Wie erklären Sie sich das Vorgehen des Söldnerchefs. Warum probte er den Aufstand gegen Putin? Und warum hat er diesen wieder abgebrochen?

Die Differenzen zwischen Prigoschin und der russischen Armeeführung um Verteidigungsminister Schoigu sind seit langem bekannt. Prigoschin hat wiederholt Schoigus Ablösung verlangt und ihm öffentlich Unfähigkeit vorgeworfen. Der Aufstand richtete sich wohl in erster Linie gegen die Armeeführung. Dass er damit aber auch Putin als Präsidenten herausforderte, dürfte ihm spätestens nach dessen TV-Ansprache klar geworden sein. Ihm ist im Laufe des Tages dann auch bewusst geworden, dass er seinen Aufstand alleine mit seinen Wagner-Söldnern nicht erfolgreich zu Ende bringen kann. Deshalb das Einlenken am Samstagabend.

Warum spielte der belarussische Präsident Lukaschenko so eine entscheidende Rolle?

Putin selbst konnte nicht mit Prigoschin verhandeln, da er ihn öffentlich ja bereits als „Verräter“ gebrandmarkt hatte. Auf der anderen Seite gab es in der russischen Elite wohl niemanden, den Prigoschin als Vermittler akzeptiert hätte. Dies hat dazu geführt, dass Lukaschenko ins Spiel kam und jetzt ausgerechnet Putin dabei geholfen hat, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, nachdem Putin umgekehrt Lukaschenko vor fast drei Jahren bei der Niederschlagung der Proteste in Belarus das politische Überleben gesichert hat.

Offenbart die Aktion Putins Schwäche oder wird sie ihn im Nachhinein sogar stärken?

Der gesamte Vorgang hat in aller Offenheit die Schwäche des mafiösen und auf persönlichen Beziehungen basierenden Systems in Russland offengelegt. Putin wurde vor den Augen der Weltöffentlichkeit gedemütigt. Dass in einem Land, dass sich selbst gerade in einem Krieg mit dem Nachbarland befindet, eine Privatarmee nahezu ungehindert auf die Hauptstadt zumarschiert, ist ein einmaliger Vorgang. Das Vertrauen in Putin als Garant für innere Stabilität ist erschüttert und dürfte sich nicht ohne weiteres wiederherstellen lassen.

Es gibt angeblich an die 40 private Söldnerarmeen in Russland neben dem offiziellen Militär. Wieviel Einfluss haben diese gerade nach dem letztlich gescheiterten Aufstand von Prigoschin? Gibt es dabei welche, die taktischer handeln als Prigoschin mit seiner Wagner-Privatarmee?

Das ist von außen schwer zu beurteilen. Bis zum Wochenende hatte sich ca. die Hälfte der Privatarmeen bereits dem Diktat der Unterordnung unter die reguläre Armee gebeugt. Der Druck auf die verbliebenen Armeen dürfte jetzt noch weiter zunehmen. Die Interessenkonflikte sind damit aber nicht aus der Welt. Es ist offensichtlich: Der Anschein der Geschlossenheit, den das russische Regime immer gerne nach außen vorgespielt hat, ist zerstört. Hinter dieser Fassade kämpfen verschiedene Teile der Machteliten um ihren Anteil an der Herrschaft. Wir wissen noch nicht, wie er ausgehen wird.

Welche Folgen hat der abgebrochene Aufstand der Wagner-Söldner für den russischen Krieg gegen die Ukraine?

Die Motivation der russischen Soldaten ist ohnehin sehr gering. Sie wissen einfach nicht, wofür sie kämpfen sollen. Jetzt hat auch Prigoschin in aller Deutlichkeit erklärt, dass die angegebenen Kriegsgründe nur vorgeschoben waren. Das dürfte die Zweifel innerhalb der russischen Armee weiter erhöhen. Auf der anderen Seite steht eine hochmotivierte ukrainische Armee, die vom Westen unterstützt wird und deren Unterstützung so lange fortgesetzt wird, wie dies erforderlich ist. Das bedeutet, Russland wird diesen Krieg nicht gewinnen können und allmählich sickert diese Erkenntnis auch in die russische Gesellschaft ein.

Teilen Sie die Sorge britischer Militärs, dass Prigoschin von Belarus aus versuchen könnte, die Ukraine anzugreifen und damit eine weitere Front zu eröffnen?

Das halte ich für Spekulation. Niemand weiß genau, was Prigoschin in Belarus machen wird. Vielleicht ist er auch damit beschäftigt, sein eigenes physisches Überleben zu sichern. Bislang hat Lukaschenko alles vermieden, dass sein Land unmittelbar mit in den Krieg hineinzieht. Insofern sollte Lukaschenko schon allein aus taktischen Gründen kein Interesse daran haben, dass hier eine zweite Front eröffnet wird.

Dieses Interview wurde schriftlich geführt.

Es erschien online im Vorwärts: https://vorwaerts.de/artikel/russland-putin-wurde-augen-weltoeffentlichkeit-gedemuetigt